Nico Stolzen (Schiedsrichter) Interview vom 8. November 2016 Fussball-Harz im Sixpack mit Nico Stolzen. Der 30-jährige Familienvater pfeift für den FC Zellerfeld v. 1930 e. V.. Nico ist seit Juni 2012 als Schiedsrichter im NFV Kreis Nordharz aktiv und hat mittlerweile knapp 400 Spiele als Schiedsrichter geleitet. 1. Wie bist du dazu gekommen, Schiedsrichter zu werden? Viele Faktoren sind damals zusammengetroffen. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich als ich noch selbst Fußball gespielt habe, immer zufrieden war mit den gezeigten Leistungen der Schiedsrichter im Amateurbereich. Ich wollte es besser machen als die anderen Sportkameraden. Hinzu kam die Tatsache, dass mein Verein damals keinen eigenen Schiedsrichter in seinen Reihen hatte und Saison für Saison hohe Strafen für die Nichterfüllung des Schiedsrichtersolls leisten musste. Natürlich war es mir nicht verborgen, dass man für die Tätigkeit als Schiedsrichter auch einige „Vergünstigungen“ erhalten würde (u. a. Beitragsfreiheit im Verein oder freien Zutritt zu allen Fußballspielen auf DFB-Ebene) sowie eine „Aufwandsentschädigung“ für diese Tätigkeit. Nicht viele im „Amateurbereich“ können von sich behaupten, dass sie für Ihr Hobby Geld bekommen würden. Jetzt in meiner fünften Saison als Schiedsrichter sage ich, dass ich die zuvor genannten Vergünstigungen oder Aufwandsentschädigungen gar nicht mehr so hoch bzw. wichtig bewerte. Natürlich ist es nach wie vor schön, eine Aufwandsentschädigung zu erhalten oder freien Eintritt zu allen Fußballspielen, aber in fast fünf Jahren habe ich diese Möglichkeit nur zwei, drei Mal genutzt. Die Kameradschaft, der Zusammenhalt der Schiedsrichter, das Miteinander und auch die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit hat einen viel höheren Wert. 2. Wie gehst Du mit eigenen Fehlern um? Ich bin selbst ein sehr selbstkritischer Mensch der seine Entscheidungen nach dem Spiel immer hinterfragt. Habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen? Hätte ich etwas anders machen können? Hätte ich von Anfang an eine andere Linie fahren müssen? All diese Fragen - und noch viele weitere - hinterfrage ich nach jedem Spiel immer kritisch. Natürlich sind die Schiedsrichter nicht fehlerfrei – aber die Spieler sind es bei weitem auch nicht. Wir sind Menschen, wir machen Fehler – nur sollte man aus den Fehlern, die man gemacht hat lernen und seine Schlüsse daraus ziehen, dass diese künftig nicht wieder vorkommen sollen und vorkommen dürfen. Die Tätigkeit als Schiedsrichter hat mir sehr dabei geholfen meine „Softskills“ und meine Persönlichkeit stark weiterzuentwickeln. 3. Spielst du selbst auch Fußball im Verein? Irgendwann erreicht man einen Punkt an dem man sich entscheiden muss. Entweder man entscheidet sich für eine „Karriere“ als Schiedsrichter oder für eine „Karriere“ als Fußballer. Es ist schwierig beides unter einen Hut zu bekommen. Wenn man selbst im Herrenbereich kicken möchte, kann man grundsätzlich an den Sonntagen nicht auch noch im Herrenbereich als Schiedsrichter aktiv sein. Über kurz oder lang beißt sich das. Da ich selbst nie der begabteste Fußballer war, habe ich mich für den Weg eines Schiedsrichters entschieden. Bisher habe ich diese Entscheidung, die ich damals getroffen hatte, nicht ein einziges Mal in Frage gestellt! 4. Welche Liga möchtest du gerne mal pfeifen? Als Sportler, egal ob Profi oder Amateur, ist man immer bestrebt sich hohe und realistische Ziele zu setzen. So ist es auch bei mir. Leider habe ich mit der Tätigkeit als Schiedsrichter erst sehr spät begonnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich als Schiedsrichter über die Bezirksliga hinaus kommen könnte ist eher gering und unrealistisch. Natürlich bin ich jetzt als Kreisligaschiedsrichter und Assistent in der Landesliga sowie Futsal-Schiedsrichter auf Verbandsebene nicht zufrieden und strebe grundsätzlich nach der nächsthöheren Spielklasse, aber man muss auch realistisch bleiben, dass irgendwann auch das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Zufriedenheit bedeutet Stillstand – so auch bei mir. 5. Im Harzer Raum gibt es einige durchgeknallte Typen. Wer war auf dem Feld bisher der lustigste? So pauschal kann man das gar nicht sagen. Jeder Mensch ist anders. Jeder hat einen anderen Charakter und sorgt mit diesem dafür, dass jedes Spiel eine neue Herausforderung wird. Spiel für Spiel muss sich der Schiedsrichter auf 22 neue Charaktere und Persönlichkeiten einstellen und mit diesen umgehen können. Da hierbei jeder auf seine Art und Weise etwas außergewöhnlich ist liegt auf der Hand, da kein Mensch dem anderen gleicht. Dies sorgt dafür, dass man auch immer ein gewisses Maß an Fingerspitzengefühl an den Tag legen muss um mit jedem Spieler entsprechend umgehen zu können. 6. Hast Du Verständnis für die Emotionen der Spieler? Ich selbst habe vollstes Verständnis für Emotionen der Spieler, da ich auch selbst die Seite als Spieler kennenlernen durfte. Emotionen gehören zum Fußball schlicht und ergreifend dazu. Aber auch die Emotionen von Trainern, Betreuern, Teamoffiziellen und Fans sollten nicht außen vor bleiben. Das alles macht den Fußball so einzigartig und wundervoll wie er ist. Natürlich können Emotionen auch sehr schnell zu Aggressivität, Übermotiviertheit und Überschätzung überschwappen. Grundsätzlich bin ich ein Mensch, der mit Emotionen in allen Bereich sehr ruhig und gelassen umgeht und mich so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Aber irgendwann kommt man immer in die Situation, dass man den Spielern auch mal Grenzen setzen muss – getreu dem Motto „Sportfreund, bis hier hin und nicht weiter!“. Bisher hat das eigentlich auch immer ziemlich gut geklappt und mit meiner Art stoße ich bei vielen Spielern und Vereinen auf Akzeptanz. Natürlich kann man es auch nicht jedem Recht machen. Grundsätzlich gehe auch ich mit der Einstellung in ein Spiel „und auch heute bist du wieder für eine Mannschaft der Arsch!“. Ich verabschiede mich mit sportlichen Grüßen Nico Stolzen Schiedsrichter FC Zellerfeld v. 1930 e. V. P.S.: Eine Bitte geht raus an jeden einzelnen, der Wochenende für Wochenende auf unseren Sportplätzen steht – ganz gleich ob als Trainer, Betreuer, Platzwart, Vereinsvorsitzender, Zuschauer oder Spieler – zeigt mehr Verständnis für den Schiedsrichter und dessen Entscheidungen. Häufig steht der „schwarze Mann“ alleine auf dem Spielfeld und kann gar nicht alles sehen. Der Schiedsrichter ist nicht immer fehlerfrei. Auch ein jeder von euch ist nicht fehlerfrei und manche Spieler sind nicht einmal in der Lage einen Pass über drei Meter geradeaus zu spielen. Der Schiedsrichter meckert dann auch nicht lautstark über die Sportanlage, was für einen schlechten Pass ihr wieder gespielt habt. Schon jetzt können Spiele in den unteren Klassen nicht immer mit einem neutralen Schiedsrichter besetzt werden. Wenn alle Beteiligten ihr Verhalten nicht grundlegend ändern, wird sich diese Situation auch künftig nur noch verschlimmern.